Resilienz kann man lernen / Interview mit Prof. Thomas Rigotti

 

Stark bleiben, weniger Stress erleben, besser mit Veränderung umgehen – das sind nur einige der Hoffnungen, die sich mit dem Begriff Resilienz verbinden. In der Corona-Krise gilt das mehr denn je. Vor einem Jahr habe ich für ein Kundenprojekt mit dem Resilienzforscher Thomas Rigotti gesprochen. Jetzt habe ich das Interview aus aktuellem Anlass nochmal herausgekramt. Worauf es bei der Widerstandskraft im Alltag ankommt, wie Unternehmen Mitarbeiter*innen unterstützen können, und warum jeder seinen eigenen Weg finden muss.

Herr Prof. Rigotti, der Begriff Resilienz ist seit einiger Zeit nicht mehr aus der Unternehmenswelt wegzudenken. Warum?

Seit einigen Jahren beobachten wir eine Zunahme psychischer Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Allein von 2007 bis 2017 hat sich die Zahl der Krankentage, die auf psychische Probleme zurückzuführen sind, mehr als verdoppelt. Gleichzeitig gibt es in Unternehmen eine zunehmende Veränderungsdynamik, um mit den rasanten technischen Entwicklungen und zunehmender globaler Vernetzung Schritt halten zu können. Viele erleben die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt als schlechter vorhersehbar, unsicherer und unbeständiger als früher und damit als schwer kontrollierbar. Die Kernfrage ist: Wie gelingt es uns, diese ganzen Anforderungen anzunehmen und gleichzeitig gesund und leistungsfähig bleiben? 

Wo liegt hier der Schlüssel?

Ich halte es für sehr wichtig, dass wir Resilienz nicht allein als individuelle Verantwortung begreifen. Letztlich entstehen Stress und damit auch Folgeerkrankungen immer durch eine Wechselwirkung aus Person und Umwelteinflüssen. Es kann im Arbeitskontext also nicht allein darum gehen, Menschen gegenüber schlechten Arbeitsbedingungen widerstandsfähiger zu machen. Der erste Ansatzpunkt sollte immer sein, die Arbeit an den Menschen anzupassen und nicht den Menschen an die Arbeit. Ergänzend ist es dann sinnvoll, Resilienz aufzubauen und zu fördern. 

Welche Empfehlungen ergeben sich dafür aus der Forschung?

Die psychologische Resilienzforschung hat eine Vielzahl an Aspekten untersucht, die zu einer höheren Widerstandsfähigkeit gegenüber aversiven Bedingungen beitragen können. Dazu zählen Optimismus, Hoffnung, Selbstwirksamkeitserwartungen, Achtsamkeit und einige mehr. Auch so genannte Kontrollüberzeugungen gehören dazu, also etwa zu erleben, dass man Einfluss auf sein Leben hat und nicht fremdgesteuert ist. Das verbindende Element ist, wie wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen und bewerten. Beispielsweise: Sehen wir berufliche Anforderungen als eine Herausforderung, als Hindernis oder als Bedrohung? Haben wir ein positives Selbstbild und trauen uns zu, mit der Situation umzugehen? Beides zusammen bestimmt, wie wir auf widrige oder stressige Situationen reagieren.

Aber manche Situationen bleiben einfach belastend – egal wie widerstandsfähig ich bin. 

Sicher. Deshalb ist ein weiterer wichtiger Aspekt, für Ausgleich zu sorgen, aber nicht nur in belastenden Situationen. Erholung sollte nicht dem Jahresurlaub vorbehalten bleiben, sondern in den Alltag integriert werden. 

Im Unternehmensalltag scheint es ja so zu sein, dass an manchen Kollegen alles abprallt, manche sind dagegen verletzlich, nehmen sich alles zu Herzen. Warum ist das so?

Eine simple Antwort darauf gibt es nicht. Zunächst sollte man aber festhalten: Mitgefühl, emotionale Anteilnahme, aber auch Frustration und Ärger sind menschliche Qualitäten. Es ist also nicht wünschenswert, in extremen Situationen gar keine Reaktionen zu zeigen. Ob jemand dickhäutig ist oder sensibel auf belastende Situationen oder Kritik reagiert, hat viel mit eigenen, gelernten Erfahrungen zu tun. Sie brennen sich über die Zeit auch in unserem Bild über uns selbst ein. Wichtig ist: Resilienz ist auch ein Lernprozess. Wenn Menschen schwierige Situationen meistern, können sie gestärkt daraus hervorgehen.     

Welche weiteren Faktoren beeinflussen die individuelle Resilienz?

Hier sind vor allem das Erleben sozialer Identität sowie soziale Unterstützung zu nennen. Neben dem Bedürfnis sozialer Zugehörigkeit und Wertschätzung gehören das Streben nach Autonomie und Kompetenzerleben zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse ist die Grundlage dafür, sich als selbstbestimmt zu erleben und psychisch gesund zu sein. Weitere gesicherte Einflussfaktoren sind organisationale Unterstützung, eine proaktive Persönlichkeit, Authentizität und ethisches Führungsverhalten.

Was kann ein Arbeitgeber tun, um die Widerstandskraft seiner Mitarbeiter*innen zu steigern? 

Eine wertschätzende Unternehmens- und Führungskultur, Fehlertoleranz sowie ein gutes Betriebsklima können dabei helfen, ein Umfeld zu schaffen, indem Resilienz aufgebaut werden kann. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, faire Entscheidungsprozesse zu etablieren. 

Was kann ich als Arbeitnehmer bzw. einzelner Mitarbeiter tun?

Ich selbst kann daran arbeiten, dass meine Kompetenzen und Fertigkeiten mit den gestellten Anforderungen zusammenpassen. Darüberhinaus kann ich für ausreichend Erholung sorgen und Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen.   

Warum gibt es beim Thema Resilienz kein „One-fits-all“-Konzept nach dem Motto: Ich muss nur dieses und jenes tun, dann werde ich dieses und jenes Ergebnis haben?

Tatsächlich gibt es in der Forschungsliteratur sehr unterschiedliche Auffassungen zum Konzept der Resilienz. Definitionen beziehen sich entweder auf individuelle Fähigkeiten oder Merkmale, auf Mechanismen oder auf ein Ergebnis wie: Resilient ist, wer trotz aversiver Umstände gesund bleibt. Manchen reicht es aus, trotz widriger Umstände nicht krank zu werden, andere sehen Lernfortschritte und persönliches Wachstum nach Krisen oder die schnelle Erholungsfähigkeit als entscheidende Kriterien.

Resilienz ist also kein statisches Konzept?

Genau. Die zuvor angesprochenen Resilienzfaktoren Hoffnung, Optimismus, Selbstwirksamkeit sind veränderbar. Ein Beispiel: Berufliche Selbstwirksamkeit bezieht sich auf die Erwartung, dass man gestellte Aufgaben bewältigen bzw. lösen kann. Eine besonders hoch ausgeprägte Selbstwirksamkeit führt im Regelfall dazu, dass Aufgaben tatsächlich besser bearbeitet werden. Es kann aber auch dazu führen, dass man zu viele Aufgaben annimmt und sich selbst damit überfordert. Dann liegt wahrscheinlich eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten vor. 

Nicht jeder, der auf den ersten Blick stark und resilient wirkt, ist es auch. Wann sollte man bei Kollegen oder Freunden genauer hinschauen? 

Auf erhöhte Anforderungen reagieren wir in der Regel zunächst mit höherer Anstrengung. Als Reaktion auf erhöhten Zeitdruck arbeiten Beschäftigte beispielsweise länger, lassen Pausen ausfallen, verzichten auf Urlaubstage oder machen Abstriche in der Qualität, um ein höheres Arbeitspensum zu bewältigen. Kurzfristig kann das sowohl von außen als auch selbst als sehr produktiv erlebt werden. Der höhere Aufwand und die fehlenden Erholungszeiten können über die Zeit aber für ein chronisches Stresserleben sorgen. Anzeichen für eine Überlastung können eine zunehmend zynische Haltung oder Gleichgültigkeit sein. Aber auch eine exzessive Fokussierung auf die Arbeit und die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche können ein Warnsignal darstellen. Insbesondere, weil dann soziale Unterstützungssysteme wegzubrechen drohen. 

Zum Schluss noch ein anderer Begriff, der „in Mode“ ist: Achtsamkeit. Was hat sie mit Resilienz zu tun?

Achtsamkeit ist ein Konzept, das ursprünglich aus buddhistischen Meditationspraktiken stammt. Es bezeichnet einen Zustand, indem die volle Aufmerksamkeit wertfrei auf die aktuelle Situation gerichtet ist. Achtsame Personen sind offen und zugewandt und nehmen eine aufmerksame Haltung sowie distanzierte Beobachterrolle ein. Zahlreiche Studien in den letzten Jahren konnten zeigen, dass Achtsamkeit das Stresserleben, die Gesundheit, die Beziehungsgestaltung sowie auch die Leistung bei der Arbeit positiv beeinflusst. 

Kann man Achtsamkeit lernen?

Trainings zur Förderung der Achtsamkeit zeigen, dass Achtsamkeit erlernbar ist. Darüber hinaus kann Achtsamkeit auch verstanden werden als die bewusste Aufmerksamkeit für gesundheitliche Probleme und Risiken, was Überlastungen vorbeugt. Das ist unter anderem ein wichtiger Aspekt beim Thema gesundheitsförderliche Führung.  

 

Prof. Dr. Thomas Rigotti forscht am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. https://lir-mainz.de

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht auf LinkedIn am 8. April 2020 während des ersten Corona-Lockdowns.